Ein nützlicher Dialog im Alltag

Donnerstag, 1. November 2018

 

Früher herrschte einmal die Vorstellung, dass das Sprechen der Verständigung dient. Sich verständigen ist ein schönes Wort mit einem recht breiten Bedeutungsspektrum, mal eher technisch („wegen der Lautstärke konnten wir uns nur mit Mühe verständigen“) mal stärker beziehungsrelevant und konfliktlösend: „Wir haben uns auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt.“ In der Politik scheint die Sprache diese Funktion weit gehend verloren zu haben, mehr und mehr dient Sprache der Selbstbehauptung, Abgrenzung, Diffamierung. Und im öffentlichen Alltag, ob im Internet oder im Straßenverkehr, ist es oft auch nicht viel besser.

Um so schöner, wenn es manchmal anders ist; wenn Dialoge mit Fremden tatsächlich zur Verständigung führen – auch wenn der Konflikt offenkundig ist und seine Struktur ein gutes Ende eigentlich nicht erwarten lässt.

 

Neulich trug ich einen ausgetrunkenen Mineralwasser-Kasten (norddeutsch: Kiste) zum Supermarkt. Auf dem Weg dorthin wollte ich noch kurz den Teeladen besuchen, der gleich neben dem Supermarkt liegt. Da dieser sehr klein ist und so vielerlei anbietet, dass für Kunden kaum Platz ist, stelle ich den Katen direkt vor dem Schaufenster auf dem Gehweg ab. Als ich Minuten später mit 100g Assam den Laden verlasse, ist mein Leergut – weg.

Mir fällt ein, dass ich auf dem Weg einen schwer beladenen Mann gesehen habe, offenbar ein Flaschensammler, vermutlich auch aus dem Weg zum selben Supermarkt. Ich halte dort Ausschau nach ihm, da an den Pfandautomaten nichts Verdächtiges zu sehen ist. Tatsächlich entdecke ich ihn zwischen den Regalen: ohne meinen Kasten zwar, aber mit Bons vom Automaten in der Hand.

 

Mir ist bewusst, dass mein Verdacht nicht nur unbeweisbar ist, sondern auch nicht gut begründet , stattdessen sogar aus fragwürdigen Vorurteilen gespeist. Trotzdem treibt mich etwas dazu, den Mann anzusprechen, so höflich wie möglich natürlich: „Entschuldigung, Sie haben nicht etwa von nebenan meinen leeren Wasserkasten mitgenommen?“

Mit einem schlichten nein wäre die Sache erledigt, egal ob es überzeugend klänge oder nicht. Aber auch mit Empörung oder Aggression ist natürlich zu rechnen. Der Mann jedoch sagt einfach: „Doch, hab ich“ – und beginnt sogleich in seinen Taschen zu wühlen, um mir den fraglichen Betrag (es sind wohl 3 Euro 30) in bar auszuzahlen. Ich bin erfreut und verblüfft und begnüge mich mit 2 Euro, so dass auch er etwas hat von seiner Aufrichtigkeit.

 

(Am Rande ein Tipp für die Praxis: Wenn auch Sie Ihr Mineralwasser in Flaschen kaufen und nicht sowieso Glasflaschen bevorzugen, dann achten Sie der Umwelt zuliebe unbedingt darauf, dass es sich tatsächlich um Mehrwegflaschen handelt. Die meisten Wasserkisten nämlich sind heutzutage mit Einwegflaschen gefüllt. Während die Beschriftung undeutlich oder irreführend ist, erkennen Sie die falschen Flaschen daran, dass das Pfand pro Stück 25 Cent beträgt, bei den Mehrwegflaschen hingegen nur 15. Also vermindert die ökologisch bessere Wahl nebenbei den möglichen Schaden, wenn auch Ihnen mal ein Kasten abhanden kommt...)

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