Eine Weihnachtsfrage

Sonntag, 23. Dezember 2018

Unterwegs in Hamburg fällt mir beim Blick in erleuchtete Fenster etwas auf: Nicht nur erfreut sich der Weihnachtsbaum (und zwar durchweg der früher so genannte stattliche Weihnachtsbaum) ungebrochener Beliebtheit gerade auch bei Young Urban Professionals – er wird von diesen heutzutage schon Wochen vor dem Fest in Stellung gebracht in vollstem Lichterglanz. Mich irritiert das, denn in meiner Welt gibt es kaum etwas Selbstverständlicheres als dass der Baum dann aufgestellt wird, wenn eben Weihnachten ist, keinesfalls aber schon am 2. Advent oder so! Auf der Suche nach einer Erklärung boten manche die Vermutung an, es liege daran, dass heute ein jeder am 1. Weihnachtstag in Urlaub fährt bis Januar. Um sich am Baum also lange genug erfreuen zu können, müsse man einfach früher damit anfangen.

Ich denke, die wahren Ursachen liegen etwas tiefer und haben gewiss mit dem Kapitalismus im 21. Jahrhundert zu tun. In diesem System ist es für alle Wirtschaftssubjekte essenziell, dass sie schneller sind als die anderen. Zu Weihnachten und zum Jahresende ist das besonders ausgeprägt oder fällt verstärkt auf: Zum Beispiel ist es ja wirklich so (und nicht etwa nur gefühlt), dass die allseits beliebten Weihnachtsmärkte inzwischen volle zwei Wochen früher beginnen als noch vor wenigen Jahren . auch die entsprechende Musikberieselung gilt es jetzt monatelang zu ertragen.

Ebenso werden im Kampf um Marktanteile die Jahresrückblicke schon Anfang Dezember gedruckt, alles was danach noch passiert bis Sylvester, muss eben draußen bleiben. Und selbt die einst für ihre bildungsbürgerliche Behäbigkeit berühmte ZEIT kann keineswegs bis zum 23. Dezember warten, um den 100. Geburtstag ihres eigenen Heilands zu feiern, sondern kommt mit dem Großen Helmut Schmidt Gedenken(„Einer, der fehlt“) einfach schon im November heraus.

Früh gestartet wird, um zum Thema zurück zu kommen, auch der städtische Weihnachtsbaumverkauf – und das an jeder Ecke, was beim Passanten den Impuls auslösen muss, sogleich zuzuschlagen. Denn wer da zu spät kommt, den bestraft natürlich der krumme Wuchs der Restbestände – und in D-Land müssen Weihnachtsbäume nicht nur groß sein, sondern auch kerzen(!)gerade.

Gekauft ist der Bau somit also ohnehin schon zeitig – und ihn dann nicht gleich aufzurüsten, wäre das ein Triebaufschub, wie er von den Mitgliedern einer am Sofortgenuss ausgerichteten Konsumgesellschaft nicht erwartet werden kann?

Ich meine, auch diese Erklärung greift noch ein wenig zu kurz. So wie das Leben vom Arbeitsleben durchdrungen ist und beherrscht wird, so ist es bekanntlich das Weihachtsfest von Geschenke-Industrie und Einzelhandel. Und wenn deren Rhythmus es gebietet, das ganze Arsenal einschließlich der öffentlichen Bäume spätestens am Totensonntag aufzufahren, dann ist es kaum verwunderlich, dass private Haushalte sich daran schleichend anpassen. Den heimischen Baum erst dann zu entzünden, wenn die Kommerzbäume schon abgetakelt werden: wäre das nicht ein klares Indiz, dass man kulturell den Anschluss verpasst hat?

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