Konfliktkommunikation im Verkehr

Freitag, 26. April 2019

Wenn in Hamburg nach dunklen, unbehaglichen Monaten plötzlich richtig schönes Wetter ausbricht, wird es im Straßenverkehr kritisch. Viele Verkehrsteilnehmer stehen offensichtlich unter einem Frühlingsschock - und wo doch eigentlich besonders gute Laune herrschen könnte, wird stattdessen noch viel mehr gehupt, gerast und gepöbelt als in normalen, grauen Zeiten.

 

An einer der vielen, vielen Baustellen herrscht Einbahnverkehr auf schmaler Trasse, trotzdem dürfen mutige Radfahrer auch hier gegen den Strom fahren – so ist es heute üblich, manchmal scheinen die Planer den Zeitgeist so zu verstehen, dass man Radfahrern, die vor wenigen Jahren noch fast gar nichts durften, heute grundsätzlich gar nichts mehr verbieten darf.

 

An dieser kritischen Stelle also gibt es eine Konfrontation zwischen einem schnellen Radler und einem Autofahrer der Kompaktklasse. Als ich den Streit bemerke, erklärt der Radler dem Automann gerade mit großer Entschiedenheit, dass er hier fahren darf; was vorher geschah, habe ich verpasst. Auf jeden Fall ist in der deutschen Streitkultur ja das Rechthaben immer das höchste Gut. Auch die weiteren argumentativen Schritte kann ich leider nicht hören, klar ist aber, dass sich die Stimmung aufheizt. Schließlich tritt oder schlägt der Radfahrer gegen das Autoblech, was den Fahrzeughalter zu Beschimpfungen und Gewaltandrohungen veranlasst.

 

Jetzt scheint es also ernst zu werden, mehrere Zeugen, darunter ich, rufen in eher allgemeiner Form die Streitenden zum Frieden auf. Mehr Wirkung hat, dass zwei kräftige junge Männer südländischen Typs (auch solche tragen ja inzwischen Vollbart), aus einem aufgewerteten BMW steigen, in dem sie gleich hinter der Kampfzone darauf gewartet haben, dass es weitergeht. Sie sagen oder tun weiter nichts, sondern strahlen nur eine gewisse Art von Autorität aus. Sogleich entspannt sich die Lage, das Kompaktklassen-Auto entfernt sich und zwischen dem bärtigen BMW-Fahrer und dem Fahrradmann beginnt eine kurze Nachbesprechung, man sieht ernste Mienen, aber keinerlei Anzeichen für weitere Konfrontation.

 

Am nächsten Tag, das Wetter ist weiterhin irritierend gut, erlebe ich eine andere Szene, diesmal sind nur Frauen beteiligt und kein Auto. (Indem die Fahrradbenutzer immer zahlreicher werden und das Auto als gemeinsamer Hauptfeind teilweise schon entmachtet ist, nehmen die Auseinandersetzungen innerhalb dieser Gruppe beständig zu. Und, geben wir es ruhig zu, auch Menschen auf Fahrrädern sind nicht immer frei von der Neigung, andere Leute zurechtzuweisen.)

Radfahrerin A: „Handzeichen geben!“

Radfahrerin B: „Hab ich doch gemacht!“

Radfahrerin A: „Ich hab nichts gesehen!“

Radfahrerin B: „Augen auf!“

 

So wünsche ich mir die Kontroversen im Verkehr: Statt roher Gewalt wird nur die Macht des Wortes eingesetzt – und es ist ein ausgeglichener Dialog, indem die Zurechtweiserin schon im nächsten Moment selbt zurechtgewiesen wird. Schade, dass die Szene nach nur vier Zeilen schon zuende war.

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