Moralinsaure Vielflieger schleichen missionarisch vor sich hin

Freitag, 1. Februar 2019

"Gegen jeden Menschenverstand" – so das fast schon geflügelte Wort des Bundesverkehrsministers zum Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Eine ziemlich verwirrende Aussage schon deshalb, weil doch D-Land der weltweit einzige Staat ohne Limit ist. Sollte denn jeder Menschenverstand nur hier zuhause sein – und gibt es nicht mittlerweile sogar hier recht viele Leute, die für das Limit sind, Umfragen zufolge sogar die Mehrheit der Autofahrer – auch die alle bar jeden Menschverstands?

 

Zunächst denkt man, der Charme jenes Satzes liege in trumpesker Weise gerade darin, dass er die Realität genau auf den Kopf stellt. Denn man kann zwar gegen das Limit sein, aber doch nur aus reinstem Tempo-Trieb, dem der Verstand auch bei bestem Willen keinerlei brauchbare Argumente liefert. - Aber nein, inzwischen habe ich kapiert, was der Scheuer uns sagen will: Die Diskussion über das Thema fügt dem Verstand schweren Schaden zu, nicht nur, aber auch seinem eigenen: „Forderungen, die Zorn, Verärgerung, Belastungen auslösen (...) werden nicht Realität und lehne ich ab." Schon ist der Minister nicht nur inhaltlich und syntaktisch, sondern auch grammatikalisch voll aus der Kurve geflogen und im Gestrüpp gelandet, böse verkeilt zwischen Subjekt und Akkusativ. Ob es derart verwüstetes Gerede ist, von dem sich Bürger „begeistern und mitreißen" lassen, wie es der Minister doch beabsichtigt?

 

Statt sich davon mitreißen zu lassen, greift der sprachlich ganz unbegeisterte Bürger in seiner Not zur Zeitung für D-Land - und fasst sich an den klugen Kopf, der da angeblich immer dahinter steckt. Dass dort eine Lanze gebrochen wird für diejenigen, „die gelegentlich rücksichtsvoll auf die Tube drücken wollen", verwundert ja nicht. Wohl aber die vollkommen sinnverwirrte Art, wie das geschieht: „Für ihn (den rücksichtsvollen Raser nämlich) hat der die Welt rettende, moralinsaure Vielflieger nur Verachtung übrig. Um den hart arbeitenden Autofahrer kümmern sich weder die Grünen noch die überkommenen Volksparteien. (...) kein Wunder, dass sich ausgerechnet die SPD beim Tempolimit vom `kleinen Mann´verabschiedet hat. Sie lässt ihn mit Karacho am Rand zurück.“

 

Tut mir leid, da komme ich nicht mit. Vermutlich weil ich auch einer von denen bin, die „sogar auf Autobahnen bei besten Bedingungen mit Ortsgeschwindigkeit missionarisch vor sich hin schleichen“, um noch ein weiteres abstruses Klischee zu zitieren. Sollte dem Autor (und den Redakteuren , die ihn sowas schreiben lassen auf Seite Eins) in Frankfurt zuviel Feinstaub in die Synapsen geraten sein? Mit den möglichen mentalen Folgen haben sich die Hundert Lungenärzte aus der Bildzeitung ja naturgemäß nicht befasst.

 

So endet jedenfalls des freiens Bürger freie Fahrt im intellektuellen Schleudertrauma. Nur eines habe ich immerhin verstanden: Wenn ich das nächste Mal einen hinter mir mit Tempo 190 und Lichthupe auftauchen sehe wie aus dem Nichts, dann weiß ich jetzt, dass es eben nicht eine Führungskraft im Einsatz ist, der die Firma (bzw. der hart arbeitende Steuerzahler) nicht nur die 285 PS bezahlt, sondern auch die 22 Liter dazu. Und auch kein übermotorisierter FAZ-Redakteur auf dem Weg zu einem Event der Automobilindustrie.

 

Nein, es ist der „kleine Mann". (Frauen beliebiger Körpergröße sind es ja in der Tat nur selten). Der kleine Mann also, der auf der linken Spur ein bisschen Freude haben will, da er „sonst nicht viel zu sagen hat". Und für den hat ja – anders als die heutige SPD – die FAZ schon immer gekämpft. Mit Karacho.

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