Politik als Lieferservice

Dienstag, 28. Mai 2019

 

Im Einzelhandel und in der Gastronomie geht der Trend ja schon längst und immer stärker dahin, sich die Dinge bringen zu lassen, für die man sich einst in Geschäfte oder Restaurants bemühen musste. Ob es an diesem Trend liegt, dass auch in der Politik inzwischen nur noch „geliefert“ wird (oder eben nicht)? In der Verkehrspolitik muss der Senat jetzt endlich liefern, sagt etwa ein Hamburger Oppositionsvertreter – paradox, da es doch gerade die vielen Liefer-Wagen sind, die den Verkehr zum Stillstand bringen. Die Kanzlerin muss beim Klimaschutz liefern, sagen die Grünen – hoffentlich emmissionsfrei. Auch der Innenminister muss liefern, in seinem Fall zum Beispiel Asylbewerber nach Afghanistan. Oft hört man es auch ganz allgemein: Die Politik muss jetzt liefern – was auch immer da eigentlich bestellt worden sein mag und von wem. Die Formel klingt - ein bisschen bedrohlich -  auch danach, dass jene Politik aufgrund ihrer chronischen Lieferschwäche schon so gut wie geliefert ist.

 

Geliefert werden muss also auf allen Gebieten, von der Wolfsjagd bis zur Organspende. Was aber will uns diese Redeweise eigentlich sagen? Eines gewiss: Der vielbeschäftigte Bürger, mit der Wahrung seiner work-life balance vollends ausgelastet, will sich nicht um alles selber kümmern müssen. Was immer sein Anliegen sei, er will sich nicht mit lästigen Diskussionen plagen oder mit abweichenden Meinungen und unterschiedlichen Argumenten herumschlagen müssen. Was zählt, sind Ergebnisse, erklärt erst heute wieder auch die Mitteldeutsche Zeitung. Wie bei amazon soll es zugehen: ich melde im Internet, was mir fehlt und warte im gemütlichen Heim, bis es klingelt: Schon steht das Maßnahmenpaket einschließlich aller Sonderwünsche im Flur und muss nur noch ausgepackt werden. Sollte es mir beim näheren Hinsehen doch nicht gefallen, schicke ich es kurzerhand und kostenlos wieder zurück.

 

Wenn diese Analogie die richtige Spur ist, wer sind dann die ausgebeuteten Boten, die sich täglich durch enge Straßen und noch engere Treppenhäuser quälen müssen, beladen mit Gerümpel aller Art? Oder die sich bei Starkregen auf schwerfälligen Lasträdern abstrampeln, damit Faulpelze am Bildschirm ihre XXL Pizza kriegen, ohne sich rühren zu müssen? Und die deswegen noch lange nicht mit Trinkgeld rechnen dürfen? – Naja, Politiker sind zumindest meist besser bezahlt. Und sind es wirklich die Wünsche der Bürger, die Ihnen Befehl sind? Sind es nicht eher die Politiker selbst, die damit angefangen haben, ihr Geschäft in der Sprache des Versandhandels zu beschreiben, weil sie glauben, dass das werbewirksam sei? Und damit die Erwartungen erzeugt haben, an denen sie nun zusehends scheitern? 

 

Am Ende jedenfalls führt die Idee von der Politik als Lieferservice ganz fundamental in die Irre. Politik kann eben nicht einem jeden seine höchst individuelle Extrawurst braten, wie es der moderne Warenhandel verspricht. Denn sie muss ja Lösungen für alle finden. Deshalb genügt es anders bei Lieferando eben nicht, irgendetwas Leckeres zu wollen – es lässt sich nicht vermeiden, die eigenen Bedürfnisse mühselig mit denen anderer Leute abzustimmen. Sonst kriegt der eine das Paket und der andere die Rechnung. Deswegen kann sich nicht alles um MEINE Wünsche drehen und ich kann NICHT damit rechnen, dass diese sich im Handumdrehen erfüllen lassen. Und deswegen wird man das, was von der Politik dann endlich doch einmal „geliefert“ wurde, auch nicht so leicht wieder los.

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