Von zweierlei Plastiktüten

Montag, 14. Januar 2019

Es gibt diese sehr alte Geschichte aus der ZEIT, wo ein damals prominenter Redakteur die These vertrat, sein Porsche sei viel umweltfreundlicher als normale Autos. Zwar verbrauche er ein paar Liter mehr als diese, dafür sei er aber auch viel schneller am Ziel und emittiere dann gar nichts mehr, während bei den lahmeren Verkehrsteilnehmern noch lange der Auspuff qualmt.

 

Ein frühes und lustiges Beispiel einer Ökobilanz, wie sie ja heute weit verbreitet ist. Einerseits eine gewiss seriöse und relevante Methode des Vergleichs von Produkten oder Verbrauchsmustern, andererseits natürlich immer von allerlei Annahmen und Randbedingungen abhängig und insofern nicht objektiv, sondern relativ und anfällig für Missbrauch. Ob und inwiefern zum Beispiel Glas-oder Plastikflaschen am Ende besser sind und bei letzteren Ein- oder Mehrweg: für jede dieser Varianten ist schon nachgewiesen worden, dass sie den anderen überlegen sei.

 

Noch problematischer als die fragwürdigen Ergebnisse im einzelnen ist der allgemeine Verwirrungsefekt der vielfältigen und gegensätzlichen Ergebnisse. Der Konsument wird eingeladen zu meinen, es sei angesichts solcher Unsicherheit letztlich doch ganz egal, für welches Verhalten er sich entscheidet. Ein perfektes Alibi für diejenigen, die ihre Gewohnheiten nur ungern ändern, also für uns alle.

 

Trotzdem gibt es markante Veränderungen im kollektiven Verbrauchsverhalten manchmal ja doch. Unversehens ist die Plastiktüte tief ins gesellschaftliche Abseits geraten, keine Kundin und kein Kunde wagt mehr danach zu fragen, - und vom Verkaufspersonal angeboten werden sie auch höchstens noch hinter vorgehaltener Hand. In diesem Fall hat es den Wandel nicht verhindert, dass mutmaßlich gekaufte Ökobilanzierer jahrelang vorgerechnet haben, dass die Plastiktüte viel weniger schädlich sei als andere- und am schlimmsten natürlich der Leinenbeutel.

 

Unzählige Besserwisser haben schon ganz zurecht darauf hingewiesen, dass die verpönte Einkauftüte nur einen kleinenTeil des Plastikmülls ausgemacht hat, der insgesamt in Deutschland weiterhin zunimmt, auch ohne sie. Und natürlich sind die stolzen Tütenverächter durchaus nicht widerspruchsfrei in ihrem Verhalten. Während etwa die Käsefrau auf dem Wochenmarkt die Fortschrittlichkeit ihrer Kunden lobt, befüllt sie deren mitgebrachte Nachhaltigkeitsbeutel mit schmackhaften Produkten: unter dem üblichen beschichteten Käsepapier ist jedes Stück noch einmal in Plastikfolie gewickelt.Trotzdem freue ich mich über den Tütenbann, denn er ist nicht nur ein (kleiner) Fortschritt, sondern zeigt immerhin, dass derartige gesellschaftliche Veränderungen prinzipiell möglich sind – auch wo sie vor ein paar Jahren noch kaum vorstellbar erschienen.

 

So ist es auch mit den Hundehaltern: zwar ist einerseits das Anleinen nach all den endlos passionierten Diskussionen um Problemhunde, Hundeführerscheine, Leinenzwang und Auslaufzonen nun erst reccht und vollends aus der Mode gekommen: Ich sehe heute inmitten der Großstadt praktisch gar keine Hunde mehr, die nicht frei herumlaufen – in rechtsfreien Räumen übrigens, denn all diese Verbote gelten ja offiziell immer noch.

 

Aber von Fortschritten wollte ich ja sprechen. Recht selten geworden (wenn auch nicht ganz so selten wie angeleinte Köter) sind die Hundehaufen, über die sich die Stadtmenschen jahrzehntelang zurecht ereifert haben. Eine breite Mehrheit der Hundehalter nimmt es inzwischen klaglos auf sich, den Hundekot aufzuheben und in einen schwarzen Beutel zu praktizieren, diesen ordnungsgemäß zuzuknoten – und dann genau dort fallen zu lassen, wo es mit dem Inhalt zuvor das treue Haustier tat.

 

Kein Fortschritt ohne Dialektik: Lag früher alles voll mit Hundekot, so liegt heute alles voll mit Hundekot in Tüten. Für Schuhwerk und Nase der PassantInnen gewiss die bessere Lösung – zugleich aber natürlich eine Quelle für zusätzlichen Plastikmüll, und dies in besonders bedenklicher Form. Während die Einkaufstüten früher daheim zu Hunderten angesammelt wurden und auf diese Weise immerhin sicher verwahrt, befinden sich die Kotbeutel im öffentlichen Raum. Wenn ich oder die Stadtreinigung sie nicht rechtzeitig einer fachgerechten Entsorgung zuführen – und es fällt uns beiden ganz offensichtlich schwer, das Gesamtaufkommen zu bewältigen – landet dann nicht die ganze Scheiße am Ende im Meer? Zum Glück liegt zu diesem Thema eine gründliche Ökobilanz bisher nach meiner Kenntnis nicht vor.

 

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