Wahlabend

Donnerstag, 18. Oktober 2018

 

So ein Wahlabend im TV ist wie früher die Ziehung der Lottozahlen oder auch „Sabine Christiansen“: Eigentlich weiß man ja, dass außer dem ewiggleichen Ritual nichts dabei herauskommen wird, aber irgendwie meint man trotzdem hinschauen zu müssen.

 

Praktisch nie transzendiert das Gerede an solchen Abenden den Politikbetrieb selbst, es handelt sich um eine gänzlich immanente Veranstaltung: Politiker reden mit Politik-Journalisten und mit anderen Politikern über das, was relevant ist in der Politikerwelt: wer hat gewonnen und warum nicht, wo lagen die Fehler im Wahlkampf und wer ist Schuld, wer wird regieren, koalieren, zurücktreten. Was bedeutet die Wahl für die Politiker und ihre Parteien im Hinblick auf die nächste Wahl und die übernächste.

Von Menschen und Dingen außerhalb dieser Binnenwelt, also der so genannten Realität, von den dort bestehenden Problemen oder Aufgaben und von Ansätzen zu deren Lösung ist eigentlich nie die Rede.

 

Nun also Bayern, ein von langer Hand angekündigtes POLITISCHES ERDBEBEN. Wie immer haben sich auch diesmal die Politiker innerhalb der Parteien sehr präzise abgesprochen, was sie den ganzen Abend lang immer alle sagen müssen, beim Bad in der Menge ihrer Anhänger, in den Interviews sämtlicher Sender und in den Gesprächsrunden. Das ist natürlich praktisch, es vermeidet Pannen und Widersprüche – den Unterhaltungswert von Wahlabenden steigert es eher nicht.

Die diesmal erfolgreichen Grünen zum Beispiel nennen das Ergebnis HISTORISCH. Man mag das etwas hochtrabend finden oder zweifelhaft oder auch nicht – die ständige Wiederholung aus so vielen grünen Mündern lässt auf jeden Fall ein mulmiges Gefühl zurück. Was genau unterscheidet eigentlich ein historischen Ergebnis von einem – ja, und was ist von historisch eigentlich das Gegenteil? Jedenfalls ist kaum auszuschließen, dass auch und gerade ein HISTORISCHES Ergebnis beim nächsten Mal schon wieder Geschichte ist.

 

Zum ebenfalls allzuoft wiederholten Sprüchlein des Ministerpräsidenten gehörte die DEMUT, mit der er das Ergebnis annehmen will. Wer immer ihm diese Vokabel vorgeschrieben hat -die Herausforderung ist enorm gewesen. Man hört heraus, wie hart der Söder schon daran gearbeitet hat, auch nur den Sinn dieses ihm bis dato völlig unbekannten Begriffs zu erfassen und ihn im nächsten Schritt fehlerfrei und flüssig auszusprechen. Auch wenn ihm dies bemerkenswert gut gelungen ist, so hört man doch jedes Mal die innere Hemmung, das kurze Lufteinsaugen. Es klingt als spräche Berlusconi von Askese, Altmaier von Diät, Trump von Bescheidenheit.

Ein anderer Södersatz lautet, seine Priorität liege bei einer bürgerlichen Koalition, damit meint er eine mit den Freien Wählern. Für viele Grüne mag es erfreulich sein, dass es noch jemanden gibt, der ihnen die Bürgerlichkeit abspricht, die ihnen sonst immer vorgeworfen wird. Aber wieso Priorität? Will der Supersöder eine Koalition nach der anderen abarbeiten? Obwohl er doch in erster Linie Stabilität versprochen hat?

 

Sein Generalsekretär, der auf mich wirkt wie einer dieser Fachärzte, die zwar als hochkompetent gelten, in ihren menschlichen Qualitäten und in ihrem Abrechnungsverhalten aber ein klein wenig zwiespältig erscheinen, Herr Blume also sagt natürlich überall denselben Södersatz, aber korrekt mit Präferenz statt Priorität. War nun der Söder vom DEMUT sagen üben so beansprucht, dass er einfach keinen Sinn mehr hatte für solche Feinheiten? Oder hat der Generalsekretär ihm den kleinen Unterschied mit Absicht verschwiegen, um selbst noch ein bisschen schlauer zu wirken? Das wäre ja nicht untypisch dafür, wie die Leute in der CSU-Führung miteinander umgehen.

Historisch fand ich persönlich die FDP. Während sie ja in letzter Zeit immer in raschem Wechsel entweder unerhört viele Stimmen bekommen hat oder fast gar keine, ist sie diesmal wieder dort gelandet, wo sie ganz früher regelmäßig war und vielleicht auch hingehört: bei 5,1%. Und ebenso klassich erschien mir, dass ihre Vertreterin in der Berliner Runde auf Basis dieses Stimmenanteils den Mund viel weiter aufmacht als die anderen 94,9% zusammen.

 

Eigene Niederlagen sind übrigens niemals historisch, sondern bitter. Sie dürfen niemals BESCHÖNIGT, sondern müssen immer EINGEHEND ANALYSIERT werden. Die Niederlagen anderer wurden hingegen eine Zeitlang stets als krachend beschrieben, in Wahrheit ein Geräusch der Schadenfreude, zu der Journalisten noch stärker neigen als die jeweiligen politischen Gegner (denen vielleicht dunkel bewusst ist, dass es ja auch bei ihnen selbst bald wieder krachen könnte – Journalisten müssen das nicht befürchten.) Niederlagen, die nicht gekracht hätten, waren zeitweise kaum noch vorstellbar. Wäre jemandem eine Niederlage ohne jenes Adjektiv attestiert worden, er hätte sich als Sieger gefühlt.

Und jetzt: Trotz all dieser zweistelligen Verluste haben ich den ganzen Abend lang niemanden gehört, der von krachenden Niederlagen sprach. Was ist da passiert? Nach einer unruhigen Nacht war es die Schlagzeile der guten alten WELT, wo die Niederlage der CSU dann doch wieder eine KRACHENDE war. Ein Hoch auf die konservative Presse, die im raschen Wandel der sprachlichen Moden auch den Phrasen von gestern noch eine Heimat bietet.

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